Die jungen Dicken

Mädchen© PhotoDiscSchweres Problem

Viele Sprösslinge essen zu viel, zu fett und bewegen sich kaum. In Deutschland schleppen etwa 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zu viele Kilos mit sich herum. Mehr als sechs Prozent sind fettsüchtig (adipös). Insgesamt sind das etwa zwei Millionen übergewichtige Kinder und 800.000 krankhaft Dicke.

Kinder nicht-deutscher Herkunft sind etwa doppelt so oft von krankhaftem Übergewicht betroffen wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Je nach Altersgruppe sind sie mit 19 bis 24 Prozent häufiger dicker als Kinder, die nicht aus Einwandererfamilien stammen. Bei der Adipositas liegt der Anteil mit rund zehn Prozent ebenfalls deutlich höher. Und auch Kinder aus Unterschichtfamilien sind häufiger zu moppelig: Sie leiden zwei- bis dreimal so oft unter Fettleibigkeit als besser situierte Altersgenossen. Bei den 14- bis 17-Jährigen etwa stehen 24,5 Prozent der ärmeren Kinder nur 11,3 Prozent aus betuchteren Familien gegenüber.

Steiler Anstieg

Alarmierend ist vor allem der starke Anstieg dicker Kinder und Jugendlicher in den letzten Jahren. Seit Mitte der 80er Jahre wuchs der Anteil der dicken Kleinen um die Hälfte, jener der fettleibigen Kinder und Jugendlichen verdoppelte sich sogar. Dies sei eine Entwicklung wie in den USA oder Großbritannien, warnen Experten. Auch das Ausmaß der Adipositas nimmt immer weiter zu: Die stark Übergewichtigen werden immer dicker. Die zunehmende Fettleibigkeit der Deutschen kostet nach Angaben der Bundesärztekammer 15 bis 20 Milliarden Euro im Jahr.

Blick über Ländergrenzen

Übergewicht und Adipositas sind aber nicht nur ein deutsches Problem. In allen Industrieländern steigt die Zahl der Übergewichtigen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht mittlerweile sogar von einer Epidemie. Nach Angaben der EU-Kommission leiden in der Europäischen Union fast 22 Millionen Kinder an Übergewicht, jährlich kommen rund 400.000 hinzu. Weltweit sind etwa 1,3 Milliarden Menschen von Übergewicht und Adipositas betroffen.

Kinder mit Alterskrankheiten

Die Speckröllchen bei Kindern wachsen sich nicht einfach aus. 40 Prozent der übergewichtigen siebenjährigen Kinder und 80 Prozent der 10- bis 13-Jährigen sind auch als Erwachsene zu dick. Mittlerweile beobachten Mediziner schon bei Kindern Krankheiten, die früher erst im Erwachsenenalter auftraten. Beispiele sind:

  • Diabetes Typ 2 (sog. Altersdiabetes)
  • Schäden an den Gelenken und der Wirbelsäule
  • Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen sowie erhöhte Harnsäurewerte
  • Etwa 30 Prozent der Betroffenen haben bereits eine Fettlebererkrankung
  • 25 Prozent leiden unter den orthopädischen Folgen ihres Übergewichtes

Und das hat weitere gesundheitliche Folgen: Die jüngere Generation, so prognostizieren Forscher, werde aufgrund ihres Lebensstils nicht mehr so alt wie ihre Eltern. Die Lebenserwartung übergewichtiger Männer und Frauen sei bis zu acht Jahre niedriger als die der Normalgewichtigen.

Genau beobachten!

Bei vielen Kindern schwankt das Körpergewicht je nach Entwicklungs-, Hormon- und Seelenlage. Die Schule bedeutet für viele zunächst: Weniger Bewegung und mehr Stress, was zum Ansetzen von überflüssigen Pfunden führen kann. Experten wissen, dass die Übergewichtskurve genau mit dem Zeitpunkt der Einschulung, also mit etwa sechs Jahren, ansteigt. Mögliche Gründe sind vermehrter TV-Konsum, steigendes Interesse an Spielkonsolen und Computer sowie wenig Bewegung in der Schule, weil der Schulsport häufig ausfällt.

In der Pubertät kann Essen zum Trost werden, außerdem konsumieren viele Jugendliche "angesagte" Lebensmittel und Getränke mit viel Fett und Zucker.

Daher raten Experten Eltern, ihre Sprösslinge genau zu beobachten. Am einfachsten ist es, sein Kind regelmäßig zu wiegen, zu messen und daraus den BMI zu berechnen. Es gibt Graphiken, die den kindlichen BMI in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht darstellen. So können Eltern auf einen Blick erkennen, ob ihr Kind normalgewichtig ist oder nicht. Ist es zu dick, sollten sich Eltern vom Arzt beraten lassen.

Konzepte in Deutschland ...

Wie rückt man dem wachsenenden Problem Übergewicht zu Leibe? Verschiedene Länder erproben hier unterschiedliche Konzepte. In Deutschland gibt es ein Fünf-Punkte-Papier: Vorbildfunktion der öffentlichen Hand, Bildung und Information (zum Beispiel über Schule und Elternhaus), Bewegung im Alltag, bessere Verpflegung außer Haus (zum Beispiel Schule, Kantinen) und mehr Forschung zu Ernährung und Übergewicht. Einige Aktionen finden mit Unterstützung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung statt, zum Beispiel die Initiative: Ernährung – Bewegung – Stressbewältigung – Ein integrierter Ansatz zur Prävention ernährungsbedingter Krankheiten.

Das Ziel: Bis 2020 sollen in Deutschland 20 Prozent weniger Menschen übergewichtig sein und 20 Prozent sollen sich mehr bewegen. Damit müssten rund acht Millionen Menschen in Deutschland abspecken. Das Programm setzt auf Freiwilligkeit, Aufklärung und Appelle, lehnt aber Verbote, rigidere Maßnahme und Vorschriften zur Lebensmittelkennzeichnung ab.

Ernährungsexperten fordern dagegen eine "Fettsteuer" als Teil des Konzeptes, weil fettreiche Produkte häufig billiger als fettarme und frische Lebensmittel seien. Ärzteverbände wollen schon in den Schulen beginnen und flächendeckende Pflichtuntersuchungen wieder einführen. Kinder mit Übergewicht könnten so früher identifiziert und behandelt werden. Sportmediziner wollen dagegen die Stundenzahl und Qualität des Sportunterrichts an den Schulen deutlich erhöhen.

.. und anderen dicken Ländern

In Großbritannien werden Lebensmittel nach dem Ampelprinzip mit rot, gelb oder grün gekennzeichnet. So lässt sich im Supermarkt leichter erkennen, wie gesund ein Lebensmittel ist und ob man davon viel oder eher wenig essen sollte.

Auch Japan sorgt sich um seine dicken Kinder. Mithilfe eines Schulessens will die Regierung die Essgewohnheiten der Kinder ändern und so auch die ihrer Familien. In Japan gibt es Ganztagsunterricht, der dies einfacher macht. Jede Schule soll eine Lehrkraft haben, die sich gut in der Nahrungsmittelkunde auskennt. Ältere Menschen sollen mit den Kindern auf die Felder gehen und Gemüse anbauen. Die Idee: Man ändert erst die Kinder, dann die Familien und schließlich die ganze Gesellschaft.

China geht noch ungewöhnlichere Wege im Kampf gegen das Übergewicht von Kindern, denn vor allem in den Städten steigt die Zahl der dicken Kleinen. Dort sind mehr als acht Prozent der Kinder adipös, auf dem Land nur etwa drei Prozent. Außerdem wächst die Zahl fettleibiger Kindern viel rasanter als die der Erwachsenen. Schüler sollen in den Pausen oder nach dem Unterricht Tanzkurse absolvieren. In den Schulferien gibt es spezielle "Abnehmcamps" für übergewichtige Kinder. Auch bei der Bewerbung um Studienplätze sollen die Jugendlichen in Zukunft ihre körperliche Fitness beweisen.

Die USA haben vor allem kalorienreichen Softdrinks den Kampf angesagt. Im Durchschnitt trinken 13- bis 17-jährige Amerikaner täglich mehr als drei Dosen Cola, Eistee oder andere süße Brause. Seit diesem Jahr sollen diese Getränke nicht mehr in Schulen verkauft werden dürfen. In Kalifornien gilt dieses Verbot schon seit dem 1. Juli 2007. Zudem dürfen nur noch fettarme Milch und Saftschorle statt Saft verkauft werden. Auch Junk Food sowie sehr fett- und zuckerhaltige Nahrungsmittel wurden verboten und durch frisches Obst und Gemüse ersetzt.

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