Jugendliche und Alkohol

Volle Birnen

Immer mehr Jugendliche saufen, schon Kinder lassen sich systematisch volllaufen. Die Präventionsinitiative HaLT will die gefährlichen Alkoholexzesse stoppen und den Heranwachsenden helfen, ihre Grenzen zu erkennen

Alkohol, Disco, Flatrate, Komasaufen, Jungendliche© Fab'/Photocase.de
Der achte Wodka-Red-Bull war für Simon einfach zu viel. Was mit seinen Kumpels als Partyabend geplant war, endete für den 15-jährigen Gymnasiasten um vier Uhr früh auf der Kinder-Intensivstation des Schwabinger Krankenhauses. Gewindelt wie ein Baby, mit Schläuchen am Arm, Kabeln am Brustkorb und ausgepumpten Magen. Für andere geht der Alkoholrausch weniger glimpflich ab: Lukas, 16, stirbt nach 45 Tequila, Leonhard, 18, erfriert mit 2,6 Promille nach der Silvesterparty, und Rafael, 21, bezahlt eine Saufparty in der Türkei mit dem Leben - 7,7 Promille durch gepantschten Alkohol.

Partyausklang im Klinikbett

Simon ist einer von immer mehr Jugendlichen, die nach einem entgleisten Saufgelage im Krankenhaus landen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen Alkoholvergiftung stationär behandelt werden, hat sich Jahr für Jahr erhöht: 2008 mussten 25.700 Kinder und Jugendliche als Folge von Rauschtrinken im Krankenhaus behandelt werden, was gegenüber dem Jahr 2000 einer Zunahme um 170 Prozent entspricht.

Gut die Hälfte der Komasäufer sind junge Männer zwischen 15 und 19 Jahren, doch die 10- bis 14-Jährigen ziehen nach. Und in dieser Altersgruppe trinken genauso viele Mädchen. Niemand kann genau sagen, wie viele Kinder und Jugendliche bundesweit an der Flasche hängen. Denn nur diejenigen, die nach dem Saufexzess in der Notaufnahme landen, gehen auch in die Statistik ein. Und das passiert bei weniger als einem Promille der minderjährigen Trinker, schätzen Experten.

Choreografie des Trinkens

Dass Kinder sich volllaufen lassen, ist selten Zufall, weiß Marco Stürmer. Der Sozialpädagoge von der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen hat das Trinkverhalten genau erforscht. "Was am Wochenende auf dem Spielplatz im Park, in Diskotheken oder auf Volksfesten passiert, folgt festen Ritualen", erklärt Stürmer. Schon Stunden vor der Party decken sich die Jugendlichen mit Bierkisten und billigem Schnaps ein - zum "Vorglühen" im öffentlichen Raum oder auf dem Parkplatz des Veranstaltungsorts. Mädchen stehen besonders auf süße Mischgetränke, die "ordentlich rein knallen", aber nicht nach Alkohol schmecken. Die billigere Alternative sind Supermarkt-Wodka und Fruchtnektar aus dem Tetra-Pak. Es geht um die Wirkung, nicht um den Geschmack.

Eingekauft wird fast immer vor 20 Uhr, meist in einem anonymen Supermarkt. Um den Jugendschutz zu umgehen, reicht es, wenn einer in der Gruppe 18 ist. Manche Jugendliche sprechen sogar fremde Erwachsene an, um an Spirituosen zu kommen. "Ob Kofferraum-Saufen zum Vorglühen vor der Disco oder Flatrate-Trinken - die Jugendlichen zelebrieren eine regelrechte Choreografie des Trinkens", erklärt Stürmer.

Kultur des Hinsehens

Das Suchtpräventionsprojekt HaLT - Hart am Limit - will dem riskantem Alkoholkonsum des Nachwuchses einen Riegel vorschieben. Die staatlich geförderte Initiative verlässt sich aber nicht nur auf Aufklärungskampagnen. "Wir haben uns davon verabschiedet, nach dem Gießkannenprinzip in Schulen und hier und da Veranstaltungen zu machen", berichtet Lothar Riemer, Leiter des Gesundheitsamtes Bamberg und Koordinator des dortigen HaLT-Zentrums im Gespräch mit NetDoktor.de.

HaLT holt die Präventionsarbeit in die Kommune. Möglichst alle sollen mithelfen, Alkoholexzesse schon im Vorfeld zu verhindern. Vom Jugendclub, in dem offen übers Trinken gesprochen wird, über den Sportverein, bei dessen Veranstaltungen das billigste Getränk alkoholfrei ist, den Festveranstalter, der sich konsequent an Jugendschutzregeln hält, bis zum Einzelhändler und Tankstellenpächter, der Spirituosen freiwillig nur an über 20-Jährige abgibt. "Es geht darum, eine Kultur des Hinsehens zu schaffen und Verantwortung und Vorbildverhalten in der Gesellschaft zu stärken", erklärt Riemer. "HaLT steht also in gewisser Weise auch für 'Haltung'". HaLT-Standorte gibt es bundesweit. In Bayern sind derzeit 32 Städte und Landkreise aktiv.

Gespräch mit klarem Kopf

HaLT greift aber auch ein, wenn die wilde Sauferei in die Notaufnahme führt. Noch im Krankenhaus bekommen die minderjährigen Rauschtrinker und ihre Eltern Besuch von einem Mitarbeiter, zum Beispiel von Sigfried Gift. Der Münchner Sozialpädagoge sitzt am Krankenbett, sobald die Jungen und Mädchen nach einem Trinkgelage wieder halbwegs klar im Kopf sind. "Über alle Medien wird seit Jahren propagiert, Alkoholmissbrauch sei Jugendkultur", erzählt Gift. "Diesem Bild wollen die Kids auch entsprechen. Deshalb laufen sie ja mit der Bierflasche durch die Stadt und betrinken sich ganz gezielt."

Im sogenannten Brückengespräch haken die Sozialpädagogen nach, was eigentlich passiert ist, fahnden nach den Gründen und suchen gemeinsam mit den Jugendlichen nach Alternativen für den Alkoholexzess. "Wir erreichen die Jugendlichen früh genug - überwiegend im ersten Jahr ihrer Trinkkarriere und im entscheidenden Alter."

Mehr als 1400 Beratungsgespräche wurden in Bayern seit 2007 am Ausnüchterungsbett geführt. Bei Bedarf schlagen die geschulten Sozialpädagogen weitere Hilfen vor. Im Angebot sind Gespräche, Eltern- und Familienberatung oder der sogenannte Risiko-Check, ein zweitägiges erlebnispädagogisches Gruppenevent, das die Jugendlichen im Hochseilgarten oder beim Schluchtenklettern auf andere Art an ihre Grenzen bringt.

Volle Birnen am Wochenende

Komasaufen ist kein Unterschichtproblem. Hauptschüler oder Kinder mit Migrationshintergrund sind unter den Alkoholopfern sogar eher unterrepräsentiert. Gift begegnet ganz normalen Sprösslingen der bürgerlichen Mittelschicht, gesellschaftlich gut integriert und leistungsfähig. "Freitag und Samstag hauen sie sich die Birne voll - wie ein ordentlicher deutscher Staatsbürger. Aber am Sonntag nicht mehr, weil sie ja am Montag in die Schule müssen, um das G8 zu schaffen." In der Schock-Situation Krankenhaus setze der Nachdenkprozess schnell ein, berichtet Gift. Deshalb sei der Erstkontakt so oft erfolgreich.

Totenkopf auf der Wodkaflasche

In vielen Fällen fehlt es aber schlicht an Aufklärung. Denn trotz allgegenwärtiger Antidrogenkampagnen haben die wenigsten Jungen und Mädchen eine Ahnung, wie gefährlich Alkohol für junge Körper ist. "Dass 2,5 Promille Blutalkohol lebensbedrohlich sind, ist den meisten nicht bewusst. Aber auf einer 0,4 l-Wodka-Flasche steht ja auch nicht drauf, diese Dosis kann Sie töten!", sagt Gift. Alkohol gehört zu Erwachsenwerden, in diesem Punkt sind sich die Suchtexperten einig. Ein Verbot sei deshalb sicher keine Lösung. Die Jungen und Mädchen müssten jedoch lernen, Grenzen zu erkennen und einzuhalten. Ein warnender Totenkopf auf der Wodkaflasche könnte vielleicht dem einen oder anderen die Erfahrung Intensivstation ersparen.

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