Übergewicht

Moppel aus der Flasche

Der Stoffwechsel eines Menschen wird schon vor der Geburt fürs Leben geeicht. Die Ernährung im Mutterleib und in den ersten Monaten entscheidet mit, ob ein Kind zum Dickerchen wird

Baby, Fläschchen, Kuss © GettyImages/ONOKY

Ein ganzer Planet verfettet: Seit dem Jahr 2006 gibt es mehr übergewichtige als hungernde Menschen auf der Erde. Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht sind Legion: Sie reichen von genetischer Veranlagung über mangelnde Bewegung bis hin zum allgegenwärtigen Fastfood. Ein relativ junger Forschungsansatz beschäftigt sich mit einer neuen Stellschraube für das menschliche Gewicht: der metabolischen Programmierung. Sie beschreibt die langfristigen Folgen der Ernährung im Mutterleib und in der frühen Kindheit. "Die frühe Programmierung des Stoffwechsels erregt immer breitere Aufmerksamkeit", bestätigt Antonio di Giulio, Wissenschaftsdirektor der Europäischen Kommission auf der Konferenz "The Power of Programming" in München.

Ein Bündel von Studien zeigt, dass das Ernährungsverhalten der Mutter in der Schwangerschaft erheblichen Einfluss auf das Übergewichtsrisiko eines Menschen hat. Eine Rolle spielt auch, was das Kind in seinen ersten Lebensmonaten zu essen bekommt. Aber auch Intelligenz und Allergierisiko werden davon beeinflusst, was Mutter und Sprössling speisen.

Dicke Flaschenkinder

Wie sich Fläschchen und Muttermilch auf die Entwicklung des Kindes auswirken, untersuchte ein Forscherteam des EU-geförderten Projektes "Early Nutrition Programming Projekt", kurz EARNEST. Sie verfolgten die Entwicklung von mehr als 1600 Säuglingen in verschiedenen europäischen Ländern. Ein Teil der Kinder wurde gestillt, die übrigen erhielten entweder eine besonders eiweißreiche Fläschchennahrung oder Fertigmilch mit geringerem Eiweißgehalt.

Das Ergebnis: Eltern, die glauben, ihrem Baby mit einer Extraportion Eiweiß in der Nuckelflasche Gutes zu tun, liegen falsch. Im Alter von zwei Jahren waren die Kinder im Schnitt deutlich schwerer als ihre gestillten Altersgenossen, und auch schwerer als jene Kinder, die Fläschchennahrung mit geringerem Eiweißgehalt bekommen hatten. Vorangegangene Studien hatten gezeigt, dass aus dicken Kleinkindern oft übergewichtige Erwachsene werden. Insgesamt war ihr Risiko für Übergewicht gegenüber den Stillkindern um 20 Prozent erhöht.

Riskante Eiweißbomben

Nicht etwa die bekannten Dickmacher Zucker oder Fett waren diesmal die Übeltäter, sondern ausgerechnet Eiweiß, das in der Ernährung mit vergleichsweise wenigen Kalorien zu Buche schlägt - das scheint zunächst überraschend. "Im frühen Kindesalter wirken sich die Eiweißbausteine erheblich auf die Insulinkonzentration und die Menge des Wachstumsfaktors IGF1 aus", berichtet der Koordinator der Forschungsprogramms, Prof. Berthold Koletzko von der LMU München, auf Nachfrage von NetDoktor.de. Beides sind wichtige Faktoren für den Stoffwechsel und die Fetteinlagerung.

Essenskrümel dokumentieren

Ein proteinbedingt befeuerter Appetit steckte jedenfalls nicht hinter dem Moppel-Effekt: "Wir haben akribisch ausgewertet, was die Kinder in den verschieden Ländern tatsächlich zu sich genommen hatten", berichtet Koletzko. Ein aufwändiges Prozedere über zwei Jahre: Die Eltern mussten in regelmäßigen Abständen drei Tage lang jeden Krümel dokumentierten, den ihre Kinder verzehrten. Zu ihrer Überraschung stellten die Wissenschaftler fest, dass die kleinen Probanden dank ihrer vielfältigen Herkunft schon mit unter zwei Jahren insgesamt 7000 verschiedene Nahrungsmittel erhielten - eine Herausforderung für die Auswertung.

Die Forscher mussten zudem in jedem Fall recherchieren, was beispielsweise tatsächlich in dem Teller polnischer Fischsuppe steckte, die die Mutter ihrem Kind serviert hatte. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die eiweißreich ernährten Flaschenkinder nicht etwa mehr gegessen hatten als ihre im Schnitt schlankeren Altersgenossen. Ihr Stoffwechsel hatte sie schneller zunehmen lassen.
Wenn ein Großteil der Babys eiweißreich gefüttert wird, kostet das viele Lebensjahre und viel Geld für die Therapie von Herzinfarkt & Co, haben Epidemiologen ausgerechnet. Nur gut, dass derzeit rund 80 Prozent der Kinder in den ersten Monaten voll gestillt werden.

Fischfan werden

Auch was die Mutter während der Stillzeit und Schwangerschaft zu sich nimmt, kann die lebenslange Gesundheit des Kindes erheblich beeinflussen. Frauen, die sich in den neun Monaten Schwangerschaft mediterran ernähren, also mit viel Obst, Gemüse, Olivenöl und Fisch, haben seltener einen schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck (Präklampsie) und nach der Geburt seltener eine Postpartale Depression.

Besonders gut belegt ist der Nutzen von Omega-3-Fettsäuren und jodreichem Seefisch fürs Kind: Kinder, deren Mütter davon reichlich zu sich nahmen, entwickelten seltener Allergien, Asthma und Neurodermitis. Gegenüber ihren Altersgenossen hatten sie einen Vorsprung in der psychomotorischen Entwicklung und als Heranwachsende einen höheren sprachlichen IQ. "Zweimal wöchentlich fetten Seefisch essen", empfiehlt auch Koletzko.

So spannend die Ergebnisse sind, es bleibt viel zu tun: "Wir sind wie Bergsteiger, die einen Gipfel erklommen haben und dahinter immer weitere Gipfel sehen", sagt Koletzko. Anders gesagt: In jeder Erkenntnis steckt schon das nächste Rätsel.

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